Trauma

Caroline Widmann

Traumatische Ereignisse gibt es, seit es Menschen gibt. Und grundsätzlich verfügen wir auch über das Potential, damit fertig zu werden.

Dennoch gibt es Momente, in denen unsere eigenen Mechanismen mit der Verarbeitung eines Ereignisses überfordert sind. Das Erleben war zu heftig, zu plötzlich, zu häufig oder wir waren zu jung, als dass es für uns zu bewältigen gewesen wäre.

Was passiert hier eigentlich? Im Falle einer lebensbedroh-lichen Gefahr lässt unser System das Großhirn aussen vor, weil es viel zu langsam wäre. Es verlässt sich nun lieber auf seine älteren, erfahrenen Hirnteile wie Stammhirn und Limbisches System, die schon seit Urzeiten unser Überleben gesichert haben. Und das mit sehr einfachen Mitteln: Kampf oder Flucht oder, wenn beides nicht mehr weiterhilft, Totstellen. Tritt letzteres ein, greift unser Körper auf einen überaus nützlichen Mechanismus zu: er spaltet das Ereignis aus dem Bewusstsein ab.

Wirklich weg ist es damit natürlich nicht. Wir sind aber damit in der Lage, unser Leben weiterzuführen, bis sich vielleicht einmal die Gelegenheit ergibt, das im Unterbewussten Gelagerte neu anzusehen und zu verarbeiten.

So sinnvoll dieses Vorgehen ist, es hat seinen Preis.

Unverarbeitete Traumata führen zu einer Vielzahl von Fehlfunktionen im Körper. Dies beginnt bei einem unausgeglichenen Nerven-system, das Symptome zeigt wie Unruhe, Nervosität, Schreckhaftigkeit, Angst- oder Panikattacken, Aggression, Depression, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten. Auch Alpträume und Flash-backs, also ein Wiedererleben des Traumas, können sich zeigen.

Ein gesteigerter Einfluss des Sympathikus steht hier im Hintergrund. Er beschert uns eine Vielzahl weiterer Probleme wie z.B. Verdauungs- oder Herzbeschwerden. Er lässt auch unser Hormonsystem aus dem Gleichgewicht geraten. Ein Übermass an Stresshormonen führt zu dauerhaft erhöhten Zucker- und Fettspiegeln im Blut. Der Blutdruck steigt, eine überhöhte Muskelspannung wird zum Normalzustand.

Unser Immunsystem wird ebenfalls massiv beeinträchtigt. Insbesondere der erhöhte Cortisolspiegel sorgt u.a. für eine Suppression des Immunsystems. Auf Dauer können die Nebennieren aber diese hohe Produktion des Hormons nicht aufrecht erhalten. Sind sie erschöpft, kommt es zu vielerlei Entzündungsreaktionen im Körper, zu Autoimmun-reaktionen, Stoffwechselent-gleisungen bis hin zu Krebser-krankungen.

Auch die Epigenetik reagiert, sie programmiert uns quasi auf eine gefährliche Umwelt, auch wenn die Kosten hoch sind, ohne Überleben bringt die beste Gesundheit nichts.

Betroffene ziehen sich häufig aus dem sozialen Kontakt zurück oder die Beziehungen werden geprägt von Miss-trauen.

Neben einem traumatischen Ereignis hat dauerhafter Stress, wie wir in z.B. im Beruf erleben oder aufgrund von Existenz-ängsten, Partnerproblemen, Mobbing usw. die gleichen Folgen.

Was können nun traumatische Ereignisse sein? Neben den einmalig stattfindenden Erlebnisse, wie Unfälle oder Überfälle, zählen hierzu auch die oft, mehrmals und früh stattfindenden Dinge: häusliche Gewalt und Missbrauch, fehlende Bezugspersonen in der Kindheit, frühe Beziehungsabbrüche, beispielsweise durch den Tod eines Elternteils.

Je näher uns ein Ereignis rückt, desto schwerwiegender die Folgen. So sind Naturkatastrophen meist leichter zu verarbeiten, als alles, was uns von Menschen angetan wird: Krieg, Folter, Vergewaltigung.

Oft übersehen sind medizinische Eingriffe. Unfälle führen häufig zu (notwendigen) Massnahmen wie Operationen, wobei der Körper bereits unter starkem Stress steht. Geburten gehören hierher, insbesondere auch Kaiserschnitte, die nicht nur für das Baby, sondern auch für die Mutter oft hochtraumatisch ablaufen. Auch über den Umgang mit den Patienten generell, beispielsweise bei der Mitteilung einer schweren Diagnose, darf man sich hier gerne mehr Gedanken machen.

Was ist nun möglich? Als ersten Schritt müssen wir das Nervensystem wieder in einen Zustand versetzen, in dem es in der Lage ist, sich dem Ereignis zu nähern und dieses Schritt für Schritt aus dem Unterbewussten in die Verarbeitung zu holen. Dabei ist es Aufgabe des Thera-peuten, einfühlsam das Ereignis von der emotionalen Ladung zu trennen, sodass es sozusagen abgelegt werden kann. Dies ist ein sehr individueller Vorgang und hängt von einer Reihe Faktoren ab: die Ressourcen, über die der Patient verfügt, seine Fähigkeit, sich zu regulieren und als allererstes, ob er bereit ist, sich diesem auch belastenden Prozess zu stellen

m therapeutischen Prozess ist es unser Ziel, den Patienten wieder in Kontakt mit seinem Körper und seinen Empfindungen zu bringen. Erst ein neues “Einordnen können”, oft auch ein Erlernen der körperlichen Reaktionen, ermöglicht es, neue Zuordnungen im Gehirn entstehen zu lassen. Gleichzeitig wird die Lebenslinie, die durch das Ereignis unterbrochen wurde, wieder zusammengeführt.

Als Ergebnis stellt sich ein neues Körperbewusstsein, ein erweitertes Gefühlsspektrum und eine wiedererlangte Lebendigkeit ein. Das Leben kann wieder positiv gestaltet werden und Beziehungen werden erfüllter. Nicht zuletzt stellt sich oft ein Sinn ein, es bildet sich ein Zugang zu Spiritualität.